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January 27 2012

Verfassungsschutz

Staatliche Einrichtung, deren Aufgabe es ist, wie es im zuständigen Gesetz heißt, Informationen über Bestrebungen zu sammeln, die sich gegen die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ richten. Der V. soll also dafür sorgen, dass hierzulande niemand Verschwörungen mit dem Ziel plant, unsere im Grundgesetz verankerten Rechte abzuschaffen. Davon gibt es eine ganze Menge. Das Brief- und das Postgeheimnis etwa, die Unverletzlichkeit der Wohnung, die Rede- und Demonstrationsfreiheit, das Vertrauen in die Sicherheit von Computern – nur um ein paar Beispiele zu nennen. Im Prinzip eine tolle Idee. Leider kann der V. das offensichtlich nur, indem er heimlich Briefe und Mails liest, Telefonate belauscht, in Wohnungen einbricht, beobachtet, wer wofür demonstriert und Computer verwanzt. Nur um ein paar Beispiele zu nennen. Aber schließlich können Verfassungsschützer ja „nicht ständig das Grundgesetz unter dem Arm tragen“, wie der damalige Bundesinnenminister schon 1963 wetterte, nachdem bekannt geworden war, dass der V. alle möglichen Leute abgehört hatte. Siehe beispielsweise auch: grundrechtsschonend. Und selbstverständlich kann der V. auch nicht jeden dahergelaufenen Bundestag darüber informieren, welche Bundestagsmitglieder dazu gerade von ihm bespitzelt werden. Oder? Offensichtlich handelt es sich bei dieser Institution entweder um eine Fehlkonstruktion, oder um eine unkorrekte Bezeichnung. Da wir an das erste einfach nicht glauben wollen – denn wer würde schon die Schützer des Rechts außerhalb desselben stellen und sie damit jeder Kontrolle entziehen –, war es hoffentlich wohl nur eine schlampige Benennung. Gemeint war sicher nicht V., sondern Inlandsgeheimdienst.

January 25 2012

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January 20 2012

Folge 81: Politik und Medien

Maha spricht mit Christopher Lauer und Volker Beck über das Verhältnis von Politik und Medien.

Podcast

Dauer: ca. 2 h 55 min (direkter Link auf die mp3-Datei), die Aufnahme erfolgte am 14. Januar 2012 in Berlin.

Der Vorspann enthält einen Ausschnitt aus der 1. Pressekonferenz der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Vorschau

Im nächsten Klabautercast wird es um die ersten hundert Tage der Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus gehen.

Links

„PW“ verweist auf das Wiki der Piratenpartei, „WP“ auf die Wikipedia:

Gesprächspartner

weitere Links

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Wachstumsdelle, vorübergehende

Gelegentlich beschleicht uns der Verdacht, dass Politiker mit ihren Wortschöpfungen nicht nur den Wählern, sondern auch sich selbst etwas vormachen wollen. Wenn beispielsweise der Wirtschaftsminister mitten in einer weltweiten Schuldenkrise von einer W. spricht, kann das eigentlich nur ein Ausdruck verzweifelter Hoffnung sein. Das wird schon durch die Verwendung des Wortes Delle deutlich, das eine flache Vertiefung in einer sonst makellosen Oberfläche bezeichnet; man denkt unwillkürlich an einen kleinen Kratzer an seinem Auto. Dieses aus der Umgangssprache entlehnte Wort wird in einem Terminus technicus verwendet, noch dazu in Verbindung mit dem Partizip vorübergehend. Das Wachstum der Wirtschaft, soll das bedeuten, sei ausgerechnet jetzt für einen kurzen Moment nicht so großartig, sonst aber ganz prima – sozusagen die lästige Folge eines kleinen Unfalls. In einer Zeit, in der einige europäische Länder kaum noch in der Lage sind, die Zinsen für ihre Schulden zu bezahlen, klingt das, sagen wir, mutig. Oder wie der Versuch, sich selbst die Situation schön zu reden. Allerdings hat der Wirtschaftsminister nicht weit genug gedacht, sonst hätte er sich den Ausdruck verkniffen. Denn das Sprachbild funktioniert nicht, weil hier ein beredter Metaphernkonflikt vorliegt: Eine Delle geht nicht von selbst wieder weg, wie das intransitive vorüber- „gehend“ suggeriert. Sie muss von jemandem ausgebeult werden. Wenn das Wachstum also tatsächlich eine Delle hätte, wer wäre dann der Richtige, um für ihre Beseitigung zu sorgen? Genau: der Wirtschaftsminister. Nun, wir sind gespannt, vielleicht hat er ja ein paar Eckpunkte, um etwas gegen die Krise zu tun.

January 17 2012

Folge 80: Jahresrückblick 2011

Maha und Christopher Lauer blicken zurück auf das Piratenjahr 2011.

Podcast

Dauer: ca. 1 h 40 min (direkter Link auf die mp3-Datei), die Aufnahme erfolgte am 31. Dezember 2011.

Der Vorspann enthält einen Ausschnitt aus der Rede von Christopher Lauer vom 12. Januar 2012.

Vorschau

Im nächsten Klabautercast wird es um den Umgang der Politiker mit Medien und der Medien mit Politikern gehen; maha und Christopher Lauer sprechen darüber mit Volker Beck.

Links

Zu den meisten behandelten Themen gibt es eigene Episoden des Klabautercasts mit umfangreicher Linksammlung. Daher sind hier nur wenige Links aufgeführt.

„PW“ verweist auf das Wiki der Piratenpartei, „WP“ auf die Wikipedia:

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January 16 2012

Folge 14: Betörend geschmackvoll:Tee

In dieser Folge trinken maha und indigo Tee und sprechen darüber.

Podcast

Dauer: ca. 3 h 56 min (direkter Link zur mp3-Datei), Aufnahme am 4. Januar 2012, Streaming: xenim.de

Die Tonproben am Anfang sind abgemischt aus Beiträgen von Jason Elrod und stijn bei freesound.org.

Shownotes

Vielen Dank an den Chat und an indigo (auf Twitter mit L und 0: @lndig0) für die tatkräftige Unterstützung bei den Shownotes während und nach dem Live-Stream.

Teesorten, die wir während der Sendung getrunken haben

  1. Tee: Assam (Tee): Borsillah, Schwarzer Tee benannt nach dem Teegarten (Borsillah)
  2. Tee: Litchi-Tee: Grüner manchmal Weißer Tee, aromatisiert mit Litchi
  3. Tee: „Carmen“: Schwarzer Tee mit Rosenblättern
  4. Tee: Marimo Karigane: Kukicha 茎茶 (Fukamushi), grüner Tee aus Japan
  5. Tee: Zitronentee: Grüntee mit Zitrone aromatisiert
  6. Tee: Maharani Hills 1st Flush, FTGFOP1 (schwarzer Tee aus Darjeeling, Indien)
  7. Tee: Sunon Yellow Tea (Gelber Tee aus China, Provinz Anhui)
  8. Tee: Oolong

Teeherstellung

Teekulturen

  • 5 Uhr Tee in Großbritannien
    • entstanden im sechzehnten Jahrhundert
    • ursprünglich Treffen der wohlhabenderen Damen in Teegärten
    • nach Fall der Teesteuer für jedermann
    • Streitthema in Großbritannien: Teezubereitung:
    • milk-in first oder tea-in first
    • Königin vertritt tea-in first
  • Teezeremonien
    • Gung Fu Cha, China
    • Gung Fu in Europa auch bekannt als Kung Fu ‚schwieriger Weg‘
    • Cha ‚Tee‘
    • also der schwierige Weg des Tees
    • japanische Teezeremonie
    • von chinesischen Zen-Mönchen übernommen
    • weniger auf den vollkommenen Geschmack des Tees ausgerichtet
  • Ostfriesische Teekultur
  • Teebeutel
    • auch Teefilter
    • ursprünglich aus Seide
    • „Der Vorläufer des heutigen Teebeutels wurde 1904 oder 1908 quasi versehentlich von dem US-amerikanischen Teehändler Thomas Sullivan erfunden.“
    • Der heutige Teebeutel wurde 1929 von Adolf Rambold (Teekanne GmbH) erfunden und auf den Markt gebracht.

Teearten

Weitere erwähnte Teesorten

Moderne Teekultur

Nicht-Tee-Tee

Blattgrade

  • FTGFOP
    • F ine
    • T ippy
    • G olden
    • F lowery
    • O range
    • P ekoe
  • BOP
    • B roken
    • O range
    • P ekoe

alle Bezeichnungen gut dargestellt im Teeglossar

Teestuben in Berlin

Tee-Statistik

Tee und Gesundheit

Bücher

Thermometer

  • normales Teethermometer (gib’s in jedem Kaufhaus) 2 – 10€
  • für Nerds: Laserthermometer

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Tags: Folgen tee

Luftfahrtsystem, unbemanntes

Manchmal führt der Versuch, einen Gegenstand so neutral wie möglich zu beschreiben, in die Irre. Oder sagen wir vorsichtiger: in eine völlig neue Richtung. Das unbemannte L. beispielsweise ist gemeinhin als Drohne bekannt. Das Wort meint ursprünglich zwar die männlichen Bienen, allerdings ist es längst als Synonym für jene ferngesteuerten Flugzeuge gebräuchlich, die vom Militär eingesetzt werden, um Gegner am Boden zu beobachten. Ursprünglich war das eine durchaus treffende Umschreibung, denn wie die männlichen Bienen hatten auch die ersten militärischen Drohnen keinen Stachel. Allerdings gibt es längst Modelle, die Stacheln haben, also schießen können und zum Beispiel für Tötungen, gezielte eingesetzt werden. Sie müssten, um im Bild zu bleiben, nun Bienen heißen. Ein Vergleich mit den Insekten ist aber offensichtlich nicht länger gewünscht. Die Politik nutzt zur Beschreibung der Geräte nun lieber einen Terminus technicus. Der ist eine Übersetzung aus dem Englischen, wo die Dinger als „unmanned aircraft system“ bezeichnet werden. Das erhebt den Anspruch, neutral und präzise zu sein. Dabei lässt der Begriff offen, worum es eigentlich geht, denn er nutzt das Füll- oder Passepartoutwort „System“, das überall passt. So erscheinen die ferngesteuerten Militärgerät geradezu unbedarft, ja harmlos. Der Ausdruck Drohne hingegen, der natürlich nur eine Metapher und damit unscharf war, hatte zumindest einen bedrohlichen Unterton. Darüber, dass der nun verschwindet, sind viele Politiker sicher nicht traurig. Denn sie planen gerade, das eine oder andere Gesetz zu ändern, damit die eigentlich als Kriegsgerät entwickelten L.-e auch von der Polizei eingesetzt werden können, um Menschen zu überwachen. Nicht nur hierzulande ist das umstritten.

January 07 2012

Folge 79: Bundesparteitagsrückblick, Abgeordnetenhaus

Maha spricht mit Gerwald Claus-Brunner aka Faxe aka RealDeuterium über den Bundesparteitag in Offenbach und seine Arbeit im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Podcast

Dauer: ca. 1 h 10 min (direkter Link auf die mp3-Datei), die Aufnahme erfolgte am 16. Dezember 2011.

Vorschau

Im nächsten Klabautercast wird es wieder einen Rückblick geben, nämlich auf das Piratenjahr 2011.

Links

„PW“ verweist auf das Wiki der Piratenpartei, „WP“ auf die Wikipedia, „LF“ auf die Bundesinstanz von Liquid Feedback:

Gesprächspartner

erwähnte Personen

weitere Links

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January 06 2012

V-Mann

Umgangssprachliche Abkürzung, eigentlich Vertrauensperson, manchmal auch Verbindungsperson (V-Person). Bezeichnet Rechtsradikale, Terroristen oder Dealer die bereit sind, dem Staat, insbesondere dem Verfassungsschutz, nützliche Informationen zu überlassen oder wenigstens so zu tun. Als Gegenleistung erhalten sie Geld. Worauf sich das Vertrauen in dieser Wortkonstruktion bezieht, ist nicht ganz klar. Möglicherweise darauf, dass die Angeheuerten Menschen sind, denen vertraut werden kann. Angesichts diverser Fälle, in denen die Spitzel ihre Geldgeber belogen und täuschten, oder andere gar noch zu Taten anstifteten, statt sie nur auszuspähen, sind daran jedoch Zweifel angebracht. Weshalb das Erstglied des Kompositums wohl eher bedeutet, dass die Geheimdienstler darauf vertrauen müssen, irgendetwas zu erfahren, was ihnen bei der Bekämpfung von Rechtsradikalen, Terroristen oder Dealern nützt. Oder dass sie darauf vertrauen, dass mit ihrem Geld keine neuen Verbrechen begangen werden. Weshalb es sich möglicherweise um eine Antiphrase handelt, also vor allem die Tatsache verschwiegen werden soll, dass diesen Spitzeln besser nicht vertraut werden sollte.

Dass der Wunsch groß ist, das Verfahren sauberer aussehen zu lassen, als es wahrscheinlich ist, zeigt auch eine andere Wortkonstruktion: Wenn mal wieder etwas schief gegangen ist, wird gern gefordert, die V-Leute abzuziehen. Was nahelegen soll, dass sie ordentliche Staatsangestellte oder gar Soldaten sind, die einfach woandershin versetzt werden können. Sind sie aber nicht. Sie sind Kriminelle und niemand kann sie abziehen. Man kann nur aufhören, ihnen Geld zu geben.

January 04 2012

Das Wulff-Interview

Da auf Twitter viele gewünscht haben, dass ich das heutige Interview mit Christian Wulff aus sprachlicher Sicht kommentiere, werde ich hier ein paar kurze Anmerkungen machen. Natürlich ist dabei zu berücksichtigen, dass es sich um ein Interview und nicht um eine Rede handelt. Da bei mehr oder weniger spontanen Interviews der Sprecher nicht sehr kontrolliert spricht, wäre vielleicht ein Psychologe gefragt, die Formulierungen zu kommentieren.

Wulffs Ich

Im Interview geht es um Wulff selbst, also ist zu erwarten, dass er häufig das Pronomen ich verwendet. Doch oft (in über einem Drittel der Fälle) spricht er von man anstelle von ich:

Vielleicht muss man die Situation auch menschlich verstehen, wenn man im Ausland ist, in vier Ländern in fünf Tagen und zehn Termine am Tag hat und erfährt, dass Dinge während dieser Zeit in Deutschland veröffentlicht werden sollen, wo man mit Unwahrheit in Verbindung gebracht wird. Wo man also Vertrauensverlust erleidet, dann muss man sich auch vor seine Familie stellen, wenn das Innerste nach außen gekehrt wird, private Dinge, eine Familienhausfinanzierung, wenn Freunde, die einen Kredit gegeben haben, in die Öffentlichkeit gezogen werden, dann hat man Schutzfunktionen, und man fühlt sich hilflos.

Das erste man in diesem Absatz meint Außenstehende, um dann noch im selben Satz auf den Sprecher zu referieren („wenn man im Ausland ist“); „man“ handelt hier in Reaktion auf die Presse, die aber nicht genannt wird, sondern nur implizit in Passivkonstruktionen auftritt (offenbar sollen sich die Journalisten, die ihn interviewen, nicht provoziert fühlen). Die Verwendung von man, die sich im Text noch fortsetzt, soll den Handelnden als Opfer von Ereignissen und Umständen darstellen, mit dem sich Außenstehende identifizieren sollen. Daher wird das unpersönliche man später auch durch das unpersönlich verwendete Anredepronomen Sie ersetzt:

Wenn Sie die Erfahrung machen, dass privateste Dinge aus dem privatesten Bereich, zum Teil Jahrzehnte zurückliegend, aus einer schwierigen Kindheit, einer schwierigen Familie, öffentlich gemacht werden und Sie kurz vor Veröffentlichung mit den Fakten konfrontiert werden, dann ist es doch normal, dass man darum bittet, noch mal ein Gespräch zu führen.

Hier kehrt er auch gleich wieder zum man zurück. (Die Hyperbel privatest kommentiere ich mal nicht.)

Leider ist die Verwendung von man in Verbindung mit „als Staatsoberhaupt“ oder „als Bundespräsident“ weniger gelungen, denn auch wenn es heißt: „wir sind Papst“ ist „man“ eher nicht Staatsoberhaupt. Es soll ausgedrückt werden: auch ein Bundespräsident sei nur ein Mensch (wieder mit man):

man muss eben als Bundespräsident die Dinge so im Griff haben, dass einem das nicht passiert. Trotzdem ist man Mensch und man macht Fehler.

Auch im Zusammenhang mit den ihm gestellten Fragen, verwendet Wulff wieder das impersonale Sie:

Wenn Sie 400 Fragen bekommen. Wir [!] haben inzwischen 400 Fragen durch die von mir beauftragten Anwälte […] Also bei 400 Fragen und wenn gefragt wird, was es zu essen gab, bei Ihrer ersten Hochzeit und wer Ihre zweite bezahlt hat und ob Sie den Unterhalt für Ihre Mutter gezahlt haben und ich könnte jetzt tausend Sachen mehr nennen und wer die Kleider für Ihre Frau gezahlt hat […]

Auch in diesem Sie steckt die Implikatur: Das könnte auch Ihnen passieren, was würden Sie denn anderes tun? – Es geht also darum, die Hörer dazu aufzufordern, sich mit dem Sprecher zu identifizieren und alles als „normal“ zu akzeptieren (das Wort normal fällt ja auch im Zitat weiter oben).

Antonymie und Polysemie

Wulff hatte in seiner vorweihnachtlichen Erklärung gesagt, der neue Kredit sei „festgeschrieben“. Das Wort ist etwas seltsam in dem Zusammenhang, weil Verträge ja meist unter- und nicht festgeschrieben werden. Inzwischen ist bekannt, dass die Unterschrift erst Ende Dezember erfolgte und der Vertrag erst am 16. Januar in Kraft treten wird. Also interpretiert Wulff festgeschrieben jetzt mit der „Handschlagqualität in dem Bereich, wenn man sich mit einer Bank verständigt.“ Mal abgesehen davon, dass Privatkredite von Banken nicht per Handschlag vergeben werden, ist ein Handschlag das Gegenteil (Antonym) von einer Festschreibung.

Als konverse Antonymie wird das Verhältnis der Wörter leihen und (ver-) leihen bezeichnet, die im Deutschen durch unterschiedliche Konstruktionen ausgedrückt wird: sich etwas leihen, jemandem etwas leihen. Wulff verwendet statt ‚sie wollte mir etwas leihen‘: „da wollte Frau Geerkens das Geld bei mir anlegen“ (also ein anderes Antonym von sich leihen). Damit lenkt er ab von einem eigenen Vorteil und stellt die Handlung als einen Vorteil für den Entleiher dar.

Das Wort Bewährung hat eine gewisse Bedeutungs- und Verwendungsbreite (Polysemie): So wird es auch in juristischen Zusammenhängen verwendet. Diese Verwendung des Wortes lehnt Wulff in Bezug auf seine Person ab („den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig“), um das Wort dann aber gleich selbst zu verwenden, nämlich in seiner nicht-juristischen, moralischen Bedeutung, und zwar am Ende desselben Satzes:

den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig, sondern ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt, aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung wegläuft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt, und auch weiß, wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt hat, und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch..

Er ist also kein Bundespräsident auf Bewährung, sondern ein Bundespräsident auf Bewährungsprobe.

Der Schluss

Das Bild von dem Koch in der Küche ist natürlich ein gelungener Schluss. Möglicherweise hat Wulff schon früher mit dem Ende des Gesprächs gerechnet, denn auch die beiden vorherigen Absätze schließen mit Formulierungen, die zu einem Schluss passen: zunächst das Bibelzitat: „Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“. Dann folgt (wohl ausgelöst durch Deppendorfs „zusammengefasst“) noch einmal der Versuch eines Schlussworts, in dem er sich sogar dazu hinreißen lässt zu behaupten, er habe das Amt gestärkt. Hier ist auch wieder der man-ich-Gegensatz interessant, wobei nicht ganz klar ist, ob der das unpersönliche Pronomen hier überhaupt auf sich bezieht:

durch diese Art von Umgang mit den Dingen hat man dem Amt sicher nicht gedient, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch eine ganze Reihe von Aktivitäten, in der Amtszeit das Amt des BP wieder gestärkt habe.

Schließlich folgt das Truman-Zitat, das vielleicht mehr als das Bibelzitat die Situation herunterspielt, indem sie zu einer „Herausforderung“ wird, in der „man“ sich „bewähren“ muss („und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch“).

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January 03 2012

Rubikon

Christian Wulff sagte dem BILD-Chefredakteur Diekmann, der Rubikon sei überschritten. Damit erinnerte er an eine Episode aus der römischen Geschichte: Gaius Iulius Caesar überschritt mit einem Heer den Fluss Rubikon, die damalige Grenze Italiens und marschierte mit seinen Soldaten in Richtung Rom. Daraus ergibt sich die von Wulff verwendete bildliche (metaphorische) Redensart: den Rubikon überschreiten ‚eine Grenze übertreten‘.

Wulffs Absicht

Über Wulffs Absicht kann hier nur spekuliert werden. Vermutlich wollte er gar nicht drohen, sondern gewitzt sein, denn ein Geistesblitz vermittelt ja den Eindruck, das Heft in der Hand zu halten. Und natürlich ist es witzig, einem Vertreter des Verlags Axel Cäsar Springer zu sagen, er habe den Rubikon (wie eben der antike Cäsar) überschritten. Auf jeden Fall klingt es gebildet.

Die Metaphernfalle

Offenbar liegt Wulffs Lateinunterricht schon zu lange zurück, und er hielt es nicht für nötig, die Geschichte mit dem Rubikon in der Wikipedia nachzuschlagen (vgl. Alea iacta est). Dann wäre ihm aufgefallen, dass er mit der Metapher auch feststellt, dass er selbst keine Chance mehr hat. Denn indem Cäsar den Rubikon überschritt, hatte sein Gegner, der damalige Staatschef von Rom Gnaeus Pompeius Magnus kaum eine Chance mehr, politisch zu überleben. Implizit vergleicht Wulff sich selbst mit dem glücklosen Pompeius, wenn er den Vertreter des Axel-Cäsar-Springer-Verlag mit Cäsar vergleicht. Pompeius hatte seine Beliebtheit in Rom über- und Cäsars Propaganda unterschätzt. Nachdem Cäsar den Rubikon überschritten hatte, verließen die Pompeianer Rom und es gelang Pompeius in der kurzen Zeit nicht, gegen Cäsar zu mobilisieren. Auch sein Vorhaben, gegen Cäsar juristisch vorzugehen, war damit hinfällig (ähnlich wie bei Wulff, der offenbar auch juristisch gegen Axel Cäsars Journalisten vorgehen wollte).

Wer den Rubikon überschreitet, ist in dem Bild eben auch der Gewinner, daher auch die nicht ganz korrekte Übersetzung von Cäsars Ausspruch alea iacta est mit ‚der Würfel ist gefallen‘ (obwohl er nur geworfen ist). Der andere, gegen den zu Feld gezogen wird, ist der Verlierer, sobald der Rubikon überschritten ist.

Somit hat Wulff eine für ihn ungewohnt klare Aussage über die weitere Entwicklung gemacht.

Tags: politics
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January 02 2012

maha
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Hier mein Talk vom #28C3 bei Youtube

January 01 2012

Sprachlicher Nebel in der Politik

Auf dem 28. Chaos Communication Congress (28C3) habe ich einen Vortrag gehalten unter dem Titel: „Die Koalition setzt sich aber aktiv und ernsthaft dafür ein“ – Sprachlicher Nebel in der Politik. Es handelt sich vor allem um eine Erweiterung meiner Überlegungen zur Politikersprache. Diesmal behandele ich so komplexe Phänomene wie das Guttenberg-Passiv, Präsuppositionen und Passepartout-Wörter.

Auf Youtube findet man die Video-Aufzeichnung des Vortrags. Zum Nachlesen gibt es eine Textfassung mit den bibliografischen Angaben.

Das Video gibt es auch in HD-Qualität (H264):

Natürlich würde ich mich freuen, wenn der Beitrag im Feedback-System des 28C3 positiv bewertet wird.

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December 19 2011

Partnerschaft, privilegierte

Die P. klingt wie eine enge Beziehung zwischen zwei Gleichberechtigten. Im politischen Alltag ist sie jedoch genau das nicht. Sie wird dort vielmehr in Abgrenzung zur Gemeinschaft verwendet. So erfanden konservative Politiker für den Ehewunsch all jener Menschen, die nicht dem kirchlichen Ideal entsprechen, die eingetragene P. Man hätte das Ganze auch einfach Homoehe oder noch simpler Ehe nennen können. Genau das aber sollte auf jeden Fall vermieden werden. Ganz bewusst ist diese P. der Ehe nur „nachgebildet“, sie soll eben nicht gleichrangig sein, sie soll ausgrenzen, nicht integrieren.

Dieses Konzept der Segregation (das Gegenteil von Integration), propagieren eben jene Politiker auch, wenn es um Länder geht, die nicht in ihr borniertes Weltbild passen. So soll die Türkei nicht Teil der Europäischen Union werden dürfen. Damit es nicht gar so garstig klingt, wurde ihr eine privilegierte P. angeboten. Was jedoch nur als böser Witz gemeint sein kann. Denn ein Privileg ist ein Sonder- oder Vorrecht (lateinisch: privus ‚gesondert‘ und lex ‚Gesetz‘), wodurch der privilegierte Partner also Rechte genießt, die niemand sonst hat. Das ist natürlich eine Antiphrase. Sollen der Türkei doch weniger Rechte (Privilegien) zugestanden werden als einem Vollmitglied. Nebenbei: Auch das ist ein interessantes Wort, impliziert es doch, dass so etwas wie eine unvollständige Mitgliedschaft gibt. Fazit: Sowohl das Adjektiv privilegiert als auch das Substantiv P. verraten das wahre Ansinnen der Erfinder, sie wollen unter sich bleiben.

December 16 2011

Kerneuropa

Es gibt gerade viel Streit im vereinigten Europa. Der eine oder andere Staat hat so hohe Schulden, dass kaum noch jemand daran glaubt, er könne sie zurückzahlen. Das macht einer Menge Politikern Angst. Sie wollen sich daher einen Rettungsschirm umschnallen. Der hat er sogar eine eingebaute Schuldenbremse. Oder so ähnlich. Beide scheinen aber nicht so doll zu funktionieren, zumindest gibt es nun den Plan, die so mühsam zusammengklöppelte Europäische Union wieder zu zerlegen. Populisten fordern, Griechenland einige Staaten sollten aus der EU geschmissen werden. Beziehungsweise unterscheiden jene Politiker geflissentlich zwischen einem K. und den übrigen europäischen Ländern, die irgendwie nicht im gleichen Maß dazugehören. Es gibt noch andere schöne Wörter in diesem Zusammenhang, wie Fiskalunion, Stabilitätsunion oder Europa der zwei Geschwindigkeiten. Leider wird dabei jedes Mal vergessen zu sagen, wer denn nun dazu gehört und wer nicht. Das hat System. Denn das ganze Geschwurbel soll vor allem verschleiern, dass die, denen es besser geht, eine Mauer um sich bauen wollen. Europa soll gespalten werden in arm und reich. Die Armen wirft man dem Markt zum Fraß vor, die Reichen retten ihre Schätze. Nett ist das nicht. Die Erfinder des Begriffes K. haben dabei aber offensichtlich nicht bedacht, wie und wo dieses Europa mal anfing: in Griechenland nämlich. Eine phönizische Königstochter gelangte einst aus Nordafrika dorthin. Ihr Name leitet sich wahrscheinlich vom phönizischen Wort erob ab, das vermutlich mit Bezug auf ihre Hautfarbe ‚dunkel‘ bedeutet und dann auf griechisch zu Europa wurde (was so viel wie ‚weitsichtig‘ heißt). Damit befindet sich das K. ziemlich sicher in eben jenem Griechenland, das mancher Banker Politiker gerade gern los wäre. Besonders weitsichtig ist das nicht.

Reposted byphilmacfly philmacfly

December 09 2011

arbeitssuchend

Verbrämendes Bürokratendeutsch für arbeitslos. Keine Frage, es gibt viele Menschen, die eine Arbeit suchen. Beispielsweise, weil sie der Liebe wegen in eine neue Stadt ziehen wollen, oder weil sie sich neue Aufgaben wünschen. Das aber meint das Arbeitsamt Jobcenter nicht, wenn es unterscheidet zwischen a. und arbeitslos. Denn all jene, die sich laut Paragraf 38 Drittes Sozialgesetzbuch als a. melden müssen, sind bald ohne Arbeit und wissen das auch. Zitat SGB III: „Personen, deren Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis endet, sind verpflichtet, sich spätestens drei Monate vor dessen Beendigung persönlich bei der Agentur für Arbeit arbeitssuchend zu melden.“ Sie sind also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit demnächst arbeitslos, könnten also auch so genannt werden. Werden sie aber nicht. Denn wer sich a. meldet, taucht in der Arbeitslosenstatistik noch nicht auf, obwohl er es, wird das Dritte Sozialgesetzbuch wortwörtlich ausgelegt, müsste. Es handelt sich also um einen Euphemismus, eine Beschönigung, die in diesem Fall eine Schönrechnung ist. Was noch klarer wird, vergegenwärtigt man sich die Tatsache, dass auch viele, die tatsächlich arbeitslos sind, natürlich eine Arbeit suchen – also getrost als a. gelten dürften, aber trotzdem nicht so genannt werden. Was sie gleich noch diskriminiert. Legt der damit zwischen beiden Zuständen hergestellte Gegensatz doch nahe, dass Arbeitslose eben nicht nach Arbeit suchen, also faul sind.

December 07 2011

Konservativismus, aufgeklärter

Der K. entstand einst als Gegenbewegung zur Aufklärung. Er basiert auf dem Gedanken, dass die menschliche Vernunft, das zentrale Konzept der Aufklärung, unzulänglich ist im Verhältnis zu Gott.

Ein konservatives Volkslied über die “thörichte Aufklärung” fordert zum Beispiel:

O laßt mich doch bei meiner Bibel,
laßt mich in meiner Dunkelheit,
denn ohne Hoffnung wird mir übel
bei dieser aufgeklärten Zeit,
und ohne Hoffnung bin ich hier
ein elend aufgeklärtes Thier.

Wir halten fest: Die Aufklärung war ursprünglich das Feindbild des K., wünschte diese doch die „Befreiung vom Aberglauben“ und „die Maxime, jederzeit selbst zu denken“ (Kant). Der K. hingegen legt Wert auf ein wenig Dunkelheit, auch wenn das heute lieber als Bewahrung althergebrachter Werte verbrämt wird. Eine durchaus geschickte Umdeutung. Nicht mehr um die Ablehnung alles Neuen geht es nun, sondern um die Bewahrung von ein wenig Altem.

Doch scheint inzwischen auch das nicht mehr zu genügen. Der gemeine Konservative sieht sich und seine Haltung offenbar noch immer nicht genug gewürdigt. Das Magazin „Der Spiegel“ versucht sich daher an der Definition eines aufgeklärten K. Der Feind wird nun umarmt. Zumindest unterstellt das Magazin, der Verteidigungsminister wünsche sich einen solchen für seine christliche Partei. Es darf als unwahrscheinlich gelten, dass sich das Feindbild der Konservativen gewandelt hat. Denn Konservativismus ist eben nicht aufgeklärt und wird es auch nicht dadurch, dass ihm ein entsprechendes Adjektiv als Attribut zur Seite gestellt wird. Technisch ist das ein Oxymoron. Politisch ist es eine Tarnung, um Menschen zu täuschen. Das hat Methode, wird der Minister bei „Spiegel Online“ doch zugleich als moderner Konservativer bezeichnet. Beileibe keine neue Idee. Und mindestens ebenso verräterisch wie der mitfühlende Liberalismus, den die FDP ausgerufen hat.

Reposted bysmrqdtrunkenstein

December 02 2011

Folge 13: Konzept(-)Kunst:Streetart und anderes

In dieser Folge spricht maha mit uniq über Kunst, Musik und Streetart; uniqs Stimme wurde akustisch leicht verändert.

Podcast

Dauer: ca. 2 h 35 min (direkter Link zur mp3-Datei), Aufnahme am 27. November 2011, Streaming: xenim.de

Shownotes

uniq

Links

Vorbilder

Kunst:

Musik:

weitere Links

  • Kunst als Mittel der Kommunikation
  • Graffiti: Ursprünglich aus der Bronx zur Reviermarkierung
  • Bar 23
  • diggen
  • Werke von uniq:
  • 1up
  • OZ
  • Berliner Crews/Writers: tkc, rcb, tmr
  • Leipzig: no ticket
  • Videos:
    • banksy B-movie
    • live remote control (mr brainwash)
    • friendly fire
    • can’t stop fanatics
    • dirty hands
    • graff core 1.0
    • hard 2 burn
    • men in black
  • stattreisen

Graffiti

  • Graffiti-Jargon:
    • tag (Schriftzug)
    • throw-up (augeblasener Schriftzug)
    • style (ausgearbeiteter Schriftzug)
    • piece (Bild/Stück)
    • flow (Schwung/Fluss)
    • graff (Graffiti)
    • kanne (Dose)
    • scout (jemand, der aufpasst/nicht mitmalt)
    • toy (Anfänger)
    • king (anerkannter Pro der Stadt – Titel, der einem gegeben wird)
    • buff ((Zug-) Reinigung)
    • anti buff (hrhrhr)
  • U-Bahnhof Rüdesheimer Platz
  • sogar in Lünen (tiefste Pampa), leider inzwischen halb abgerissen

Kunst mit Photoshop

Ausstellungen

Schriftarten

Techniken

Hersteller/Produkte

Kunst mit Flash

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November 30 2011

Folge 78: Urheberrecht

Maha spricht mit Andi Popp über die Reform des Urheberrechts.

Podcast

Dauer: ca. 1 h 38 min (direkter Link auf die mp3-Datei), die Aufnahme erfolgte am 28. November 2011.

Vorschau

Der nächste Klabautercast wird voraussichtlich auf den Bundesparteitag in Offenbach zurückblicken.

Links

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Gesprächspartner

besprochene Anträge

erwähnte Personen

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November 29 2011

Folge 77: Suchtpolitik und Rauschkunde

Maha spricht mit Heide, Steffen und Benny über Suchtpolitik und Rauschkunde. Es geht vor allem um die sucht- und drogenpolitischen Anträge für den Bundesparteitag 2011.2 in Offenbach.

Podcast

Dauer: ca. 1 h 35 min (direkter Link auf die mp3-Datei), die Aufnahme erfolgte am 19. November 2011.

Vorschau

Der nächste Klabautercast wird sich mit Urheberrecht beschäftigen.

Links

Vielen Dank an Steffen für seine Link-Hinweise zu den Shownotes.

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besprochene Anträge

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